An wen wird erinnert?

Redebeitrag der IAG auf der Kundgebung zum Gedenken an Ernst Kirchweger, 2.4.2026 in Wien

Wir sind heute hier, um an den 1965 ermordeten Antifaschisten Ernst Kirchweger zu erinnern, um seinen Namen und seinen Kampf im Gedächtnis zu behalten.

Wir wissen, dass es diese Gedenkveranstaltung erst seit wenigen Jahren gibt und dass sie ins Leben gerufen wurde von Personen, die viele Jahre nach der Ermordung Kirchwegers geboren wurden. 

Uns alle, die heute hier sind, eint der Antifaschismus und die Solidarität mit denen, die von rechter, neonazistischer Gewalt betroffen sind und waren. Wir möchten die Namen und Kämpfe derer, die vor uns gekämpft haben, nicht vergessen und ihrer Erinnerung einen Platz geben in unserem antifaschistischen Gedächtnis und Bewusstsein. 

In der österreichischen Mehrheitsgesellschaft haben diese Namen keinen Platz, sie kommen nicht vor. Andere Namen hingegen schon. Darüber möchten wir heute sprechen.

Am 16. Juni 1996 wurde der Platz, auf dem wir uns gerade befinden, nach Herbert von Karajan benannt. Karajan war Dirigent und unter anderem Direktor der Wiener Staatsoper und künstlerischer Leiter der Salzburger Festspiele. Abgesehen von seiner musikalischen Karriere war er auch politisch engagiert: im Frühling 1933 ist er in Salzburg der NSDAP beigetreten, wenige Monate bevor diese in Österreich verboten wurde. Dass er rein aus Karrieregründen offizieller Nazi werden wollte, ist mittlerweile sehr gut widerlegt: ideologisch war er schon in den 1920er Jahren eindeutig deutschnational-völkisch eingestellt, deshalb war er auch ab 1925 Mitglied einer schlagenden Verbindung. Er war offen deutschnational und antisemitisch, trug sich mehr als 10 Jahre vor dem Anschluss in Studienbüchern auf der Uni Wien als Deutsch-Arier ein.

2015, also neunzehn Jahre, nachdem dieser Platz nach einem alten Nazi benannt wurde, wurde hier ein Stein der Erinnerung für Ernst Kirchweger gelegt. 50 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod also bekommt er hier, am Ort seiner Ermordung, ein kleines Stück Erinnerung von einem Verein, der sich in erster Linie durch Spenden finanziert und dessen Mitglieder die Steine monatlich in ihrer Freizeit reinigen. 

Währenddessen weigert sich die Stadt, das Denkmal für den Antisemiten Lueger abzubauen – stattdessen wird es kontextualisiert und um ein paar Grad schiefgestellt – wie im März bekannt wurde, zahlt die Stadt dafür 770 Tausend Euro.

Man kann es fast schon Ironie des Schicksals nennen, dass die Kosten für einen Stein der Erinnerung laut Website des Vereins 770 Euro kosten. 

Die Stadt Wien gibt also eintausend mal so viel Geld für die Erhaltung und Förderung der Erinnerung an den wohl bekanntesten Antisemiten der Stadt aus, wie der Gedenkstein für das erste Todesopfer rechtsextremer Gewalt nach 1945 gekostet hat. 

Und jetzt stehen wir heute wieder hier, und Gedenken Ernst Kirchweger, nicht auf einer offiziellen Gedenkveranstaltung, sondern organisiert von Antifaschist*innen. Wir werden nachher am Stolpertsein, verlegt von Privatpersonen, Kerzen und Blumen niederlegen. Das einzig offizielle Gedenken, dass hier stattfindet erinnert an Herbert von Karajan, an einen Nazi.

Der Karajan-Platz wurde 1996 neu benannt. Wir arbeiten als Initiative Antifaschistisches Gedenken Schwerpunktmäßig zu genau dieser Zeit. Wie vorhin von der Moderation erwähnt, haben wir vor kurzem eine Broschüre zum Brief- und Rohrbombenterror der Jahre 1993-96 herausgegeben. Als traurigen Höhepunkt diesen Terrors wurden 1995 in Oberwart die vier Roma Erwin Horvath, Karl Horvath, Josef Simon und Peter Sarközi durch eine Bombe ermordet. So wie wir den Namen Ernst Kirchwegers nicht vergessen wollen, so wollen wir auch deren Namen nicht vergessen. Alle vier hatten Vorfahren, die im Holocaust ermordet worden waren. Und ein Jahr nach diesem Anschlag benennt die Stadt Wien den Platz auf dem wir stehen nach einem Nazi. 

Die österreichischen 90er-Jahre waren geprägt von einem enormen Rassismus, der immer wieder auch mit Relativierungen der Verbrechen der Nationalsozialisten einherging. Jörg Haider feierte seinen Aufstieg , Geflüchtetenunterkünfte und Gastarbeiterheime wurden in Brand gesetzt, jüdische Friedhöfe geschändet, die VAPO übte sich im Wehrsport, 25 Briefbomben wurden verschickt und drei Rohrbomben gelegt. Es war eine Zeit der Worte, der Bomben, der Verletzten und der Toten. Und trotzdem erinnert heute kein einziger Ort in Wien an diese Serie des Terrors. Das einzige Mahnmal an die Serie steht in Oberwart, gleich neben der Romasiedlung hinter dem Stadtrand.

Warum wurde der Platz, an dem wir stehen, nicht in Ernst-Kirchweger-Platz benannt? Oder Erwin Horvath, Karl Horvath, Josef Simon und Peter Sarközi-Platz? Warum benennt man 1996 einen Platz nach einem Nazi?

Die heutige Veranstatung steht unter dem Titel „Erinnern heißt Kämpfen“, denn das ist es, was Ernst Kirchwegers Leben uns gezeigt hat: er hat sein ganzes Leben lang einen politischen, antifaschistischen Kampf geführt und kam dabei schlussendlich ums Leben. Das bedeutet für uns auch, dass wir aus der Vergangenheit für die Gegenwart lernen müssen. Lernen, dass Rechte Gewalt immer wieder tödlich war und ist und das wir als Antifaschist*innen dagegen aktiv werden müssen. 

Die Beispiele, die wir angesprochen haben, zeigen auch, dass kritisches Gedenken selbstorganisiert werden muss, wenn politische Entscheidungsträger:innen und die gesellschaftliche Mehrheit kein Interesse daran zeigen. Von den Betroffenen. Von uns kritischen Antifaschist*innen. Denn das Gedenken an Todesopfer Rechter Gewalt stört die „nationale Harmonie“. Daher verwundert nicht, dass auch keine öffentliche Außeinandersetzung mit dem rechten Terror nach 1945 stattfindet.

Wir danken daher für die Organisation und die Einladung zur heutigen Gedenkveranstaltung und freuen uns, mit euch allen im Sinne Ernst Kirchwegers unseren Antifaschistischen Kampf auf allen möglichen Ebenen weiter zu führen. Erinnern heißt Kämpfen – auch kämpfen für eine andere Erinnerungskultur. Danke für eure Aufmerksamkeit.